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Die Höhle der großen Göttin

Vor kurzem hatte ich die Ehre, mit dreißig anderen Frauen ein Wochenende in Blaubeuren zu verbringen. Der Event wurde organisiert von den „Ahninnen der Zukunft“. Wir haben uns an diesem Ort getroffen, weil dort in der Nähe die Höhle „Hohle Fels“ liegt, in der 2008 das älteste Kunstobjekt unserer Menschheitsgeschichte gefunden wurde: eine Venus-Figurine. Nicht irgendwo, nein, mitten in Schwaben nur anderthalb Stunden von meinem Heimatort entfernt. Dort in der Höhle wurde bei Ausgrabungen die ca. sechs Zentimeter große üppige Frauenstatue entdeckt. Ich muss zugeben, dass ich davon bis zu diesem Wochenende keine Ahnung hatte. Ist doch irgendwie spannend, man reist in exotische ferne Länder, bestaunt die kulturellen Schätze und was direkt vor der eigenen Nase passiert, das bekommt man mal wieder nicht mit… Nun, die Reise hat vorgewirkt könnte man sagen, denn als ich am Abend zuvor noch schnell in die Bibliothek gesaust bin um meine entliehenen Bücher abzugeben, fiel mein Blick für den Bruchteil einer Sekunde auf einen riesigen Bücherstapel. Zwischen all den anderen Büchern leuchtete eines klar heraus: „Die Venus aus dem Eis“, ein Roman, der sich genau mit diesem Fundstück beschäftigt. Ich freue mich immer wenn ich diese kleinen Bestätigungen vom Universum bekomme und dadurch weiß, dass die Anbindung stark ist und ich auf dem richtigen Weg.

Als wir in dem wunderschönen Blautal ankamen und uns im Kreis miteinander bekannt machten war ich erfüllt von unheimlicher Demut. So viele tolle Frauen. Ich gebe zu, dass ich in solchen Momenten immer etwas schüchtern werde und freue mich dann immer wenn achtsam und liebevoll miteinander umgegangen wird. Wir haben den Nachmittag mit einem schönen Ritual und dem Tanz der unendlichen Acht verbracht, bevor wir gemeinsam in Stille zum nahegelegenen Blautopf spaziert sind. Dieser speist die Blau und leuchtet aufgrund besonderer Nanopartikel die darin vorkommen in einem unfassbar schönen Türkisblau. Nach unserem leckeren Abendessen haben wir am Feuer noch eine kleine Trommelreise gemacht und dann den Abend mit Liedern ausklingen lassen.

Denn das eigentliche Highlight sollte am Sonntag stattfinden: wir würden zur großen Mutter reisen, der Göttin und all unseren Ahnninen. Und das an einem Ort, an dem unsere Vorfahrinnen schon seit mindestens 40.000 Jahren Kontakt zu ihr aufgenommen haben. Gemeinsam sind wir zu der Höhle gefahren, die wir zeitweise für uns ganz allein hatten. Höhle ist hier ein irreführender Begriff, denn die Decke ist dreißig Meter hoch und der gesamte Raum wirkt eher wie eine Kathedrale als eine Höhle. Viele von uns hatten direkt Bilder von einer Gebärmutter im Kopf und tatsächlich fand sich an einem der höchsten Punkte eine Wandfärbung, die aussah wie eine wunderschöne Yoni.

Nachdem wir uns mit dem Geist der Höhle verbunden hatten und richtig angekommen waren, haben wir uns alle ein Plätzchen gesucht und das Licht wurde komplett ausgeschaltet. Ich war zuvor noch nie in einer stockdunklen Höhle und war überrascht, wie schnell sich eine unglaubliche Geborgenheit eingestellt hat. An meinem Platz konnte ich mich richtig in eine Nische hineinlegen und begann, angekuschelt an die kalte, nasse Felswand, mit dem Geist der Göttin zu kommunizieren. Ich bat sie mir zu zeigen, was sie gesehen hat und sah vor meinem geistigen Auge im Zeitraffer Bilder von Eiswüsten, von Tau, von sich vorsichtig ausdehnenden Grünstreifen, die sogleich wieder unter Eis und Schnee begraben wurden. Sah das Eis schmelzen, Flüsse entstehen, ihren Lauf nehmen und Täler formen. Ich sah Menschen kommen und gehen, unzählige die an diesem Ort vorbeikamen, ganzen Kulturen entstanden und fielen vor meinem inneren Augen in wenigen Minuten. Und dann sah ich die Gegenwart, sah Zerstörung und Vergiftung und in meinem Herz tat es einen Stich. Ich fragte die Göttin: „Seit wann sind wir so?“ und mit dem Ton einer liebevollen Mutter sagte sie: „Schon immer mein Kind“ und zeigte sie mir Bilder von Raffgier und Hass, von Zerstörung und Niedertracht. Aber auch Bilder von Liebe, von Fürsorge, von unfassbarer Güte und Wärme. „Ihr wart schon immer so“, sagte sie, „ihr tragt schon immer beides in euch“. Während mir Tränen die Wangen herunter liefen, tröstete mich diese Polarität gleichzeitig und das Verständnis dafür, dass nichts in der Welt ohne seinen eigenen Schatten existieren kann, versöhnte mich. Bei Beginn der Reise hatten wir alle einen kleinen Bergkristall erhalten, den ich nun mit meinen Hoffnungen und Wünschen, mit meinen Danksagungen und Gebeten speiste um ihn anschließend in einem Winkel der Höhle zu deponieren. So haben wir nun alle einen Anker dort gelegt, mit dem wir uns stets verbinden können, wenn wir mit IHR in Kontakt treten wollen. Im Anschluss haben wir noch eine Trommelreise gemacht und auch hier waren meine Bilder ungemein kraftvoll. Ich finde es immer faszinierend, wie wesentlich intensiver Reisen in die nichtalltägliche Wirklichkeit an solchen Orten sind. Als wir uns im Anschluss über unsere Reisen ausgetauscht haben, konnte ich feststellen, dass ich nicht die einzige war, die in ihrer Reise mit den weiblichen Ahninnen in der Höhle wild getanzt hatte…

Nach einem Picknick sind wir gemeinsam in das Museum in Blaubeuren gefahren, um die kleine Venus-Figur endlich live zu betrachten. Sie ist aus Mammut-Elfeinbein geschnitzt und besitzt keinen Kopf, sondern eine kleine Öse, dort wo eigentlich der Hals wäre. Wir vermuten, dass sie als Amulett Frauen umgehängt wurde, die schwanger waren oder nicht empfangen konnten. Auf jeden Fall stellte sie mit ihren üppigen Rundungen wohl ein Symbol für Fruchtbarkeit dar. In dem Buch von dem ich eingangs berichtete, kommt der Venus-Figurine eine andere, untergeordnete Rolle zu. Aber das Buch haben zwei Männer geschrieben und vielleicht stellen wir Frauen instinktiv eine andere Beziehung her. Auch habe ich an diesem Tag gelernt, dass der Archäologe, der die Figur angeblich gefunden hat, zu jenem Zeitpunkt in Afrika war und eine Studentin seines Teams den eigentlichen Fund begangen hat. Nun ja..

Von Thilo Parg - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40890787

Neben viel neuem Wissen blieb von diesem Wochenende ein unglaubliches Gefühl des Genährt- und Getragenseins. Wir fühlten uns alle sehr verbunden und ich habe mich durch diese Schar an kraftvollen Frauen unglaublich bestärkt gefühlt, meinen Weg weiter zu gehen. Ich habe erst mitten im Wochenende gemerkt, dass ich die jüngste im Kreis bin und kurz hat sich ein Gefühl des Zweifels eingeschlichen: „darf ich denn überhaupt schon mitspielen?“ Aber dieses Gefühl wurde gleich von tiefer Dankbarkeit abgelöst. Dankbarkeit dafür, dass ich die Zeit, die Möglichkeiten und den Mut hatte, mich schon so jung auf die Reise zu begeben. Ich bin sehr froh, dass ich den ‚inner Call’ so früh gehört habe und die Chance hatte, mich auf den spirituellen Pfad zu begeben.

 

Aho und alles Liebe,

Janna Raphaela