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Samhain

Über die Felder legt sich der feuchte Nebel wie ein Schleier, der Boden ist von einer bunten Laubschicht bedeckt… Es breitet sich eine verheißungsvolle Stille aus. Die Welt erscheint wie im Märchen…
Es ist die Zeit von Samhain, dem vierten Jahreskreisfest und damit dem Ende des keltischen Jahres.

Wenn du nun denkst, Moment, Samhain ist doch am 31.10., eben dann, wenn Halloween ist, dann lass mich das aufklären. Samhain ist eigentlich ein Mondfest und wird am 11. Schwarzmond nach der Wintersonnwende gefeiert. 2019 ist dies am 28. Oktober. Wir leben in einer christlich gefärbten Region und Zeit und orientieren uns an einem männlichen Sonnenkalender. Der Jahreskreis beinhaltet aber auch die feminine Mondseite mit den vier großen Jahreskreisfesten. Samhain steht hier genau diametral zu Beltane. Beide Feste wurden christianisiert und so wird hierzulande seit dem achten Jahrhundert Allerheiligen zelebriert. Der Abend vorher, „All Hallows Eve“ (Allerheiligen-Abend), stellt die etymologische Wurzel zu Halloween dar. Samhain in seiner ursprünglichen Form bedeutet schlicht „Sommerende“ (Sam-Fin).
Denn der Sommer ist nun endgültig vorbei und nun beginnt die dunkelste Zeit des Jahres. Bis zur Wintersonnenwende werden die Nächte länger und die Dunkelheit bricht früher herein. Manche Menschen fühlen sich daher um diese Jahreszeit plötzlich depressiv und lustlos. Falls das sich bei dir so verhält könntest du im Herbst frühzeitig anfangen Vitamin D zu supplementieren, viel Zeit in der Natur verbringen und Tee mit Johanniskraut trinken, dem stärksten pflanzliche Antidepressivum.
Für unsere Vorfahren war Samhain vorrangig das Ende der Erntezeit. Nun wurden keine Kräuter mehr gesammelt und (Feld-)Früchte nicht mehr verwendet, sie gehören den Tieren und Wesen aus der Anderswelt. Für diese wurden sie auf den Äckern zurückgelassen.
Samhain stellte den Todespunkt des Jahres dar und den Beginn der Zeit zwischen den Jahren. Die Vorhänge zwischen den Welten sind nun durchlässiger und so können wir die andere Dimension leichter wahrnehmen. Auch stehen die Tore ins Jenseits offen und es fällt uns besonders leicht Kontakt mit unseren Ahnen aufzunehmen und vice versa. Wie du an Halloween und Allerheiligen siehst, reicht die Thematik der Ahnen und der Geister bis in die heutige Zeit hinein.
Doch die Themen von Samhain sind wesentlich tiefer, geht es hier um Vergänglichkeit, Sterben und Loslassen. Die Natur macht es uns vor, denn hier wird alles losgelassen, was für die kalte und dunkle Jahreszeit nicht benötigt wird. Sie reduziert sich auf das Wesentliche und Nötigste, zurück bleibt die Essenz, alles was für weitere Existenz notwendig ist. Wir tun nun gut daran, bei uns selbst genau hinzuspüren, was in und um uns gehen möchte. Hierbei müssen nicht unbedingt Menschen oder Materielles gemeint sein. Auch Lebensphasen, Rollen, Ideen, Wünsche und Konzepte können wir loslassen.Viele Menschen empfinden es als erleichternd sich alles von der Seele zu schreiben und wohlmöglich das Geschriebene im Anschluss zu verbrennen. Wenn du während dieser inneren Arbeit Trauer aufsteigen spürst, dann lasse sie zu und beschwichtige dich nicht selbst indem du intellektualisierst was gerade geschieht. Oft erlauben wir uns nicht, den Prozess des Abschiednehmens ordentlich zu betrauern. Wir lassen uns selbst zu selten traurig sein und nur wenn wir alles beklagen, was unsere Seele beklagen möchte, uns so richtig ausweinen, nur dann kann Leichtigkeit und Freiheit entstehen.

Hin und wieder müssen wir uns der Yin-Seite des Lebens hingeben. Dem Transformativen, dem Nicht-Kontrollierbaren. Samhain ist ebenso wie der Schwarzmond im Skorpion mit Wandlung und Transformation assoziiert, auch sein Element ist das Wasser. Der Mond und seine Feste stehen für Veränderung, für Geschehenlassen. Versuche, dir Passivität zu erlauben, absolute Hingabe an den Kreislauf des Lebens.

Und noch ein weiterer Aspekt wird zu Samhain relevant: Wir treten nun ein in die stille Zeit des Jahres, zumindest im Äußeren. Im Innern kann es sein, dass wir nun wesentlich mehr Informationen erhalten und so ist es eine gute Zeit in die Tiefen unserer Seele hinabzusteigen und Schattenarbeit zu betreiben. Es ist nun leichter, Vergessenes, Verdrängtes und Verborgenes zu erkennen und aufzuspüren. Gefühle, die wir nicht als uns eigen anerkennen möchten wie Neid oder Hass aber auch Scham und Schuld, gären im Untergrund und werden mächtiger. Oft begegnen sie uns dann nur noch als Projektionen durch andere Menschen und lösen Wut oder Schmerz aus. Wenn wir uns diese Tiefen bewusstmachen, sie beleuchten und schließlich durchlichten, können wahre Schätze geborgen werden.

Auch in der Mythologie ist nun die Zeit der dunklen Göttinnen der Unterwelt, der weisen Alten. Sie lehren uns, den Kreislauf des Lebens zu ehren und erinnern uns an die Mysterien des Lebens und Sterbens, daran, dass nichts für immer verloren geht. Die sumerische Göttin Ereskigal ist dunkle Schwester von Inanna, der hellen Sternengöttin. Sie ist Herrscherin über die Unterwelt, Göttin des Todes und der Wildnis. Sie wacht über das Totenreich Kigalla am Ende der Welt. Sie wird als löwenköpfige nackte Frau dargestellt.
Im Altnordischen ist es Hel, die die Toten in ihr neunfaches Reich der Schattenwelt holt. Sie lebt in den Wurzeln unter Yggdrasil, dem Weltenbaum und lenkt das Schicksal. Sie ist freilich eng verwandt mit der Frau Holle, die im Hollereich die Toten empfängt. Unter dem Holunder, der ihr heilig ist, hat man häufig Tote bestattet.
Auch Kali, schwarze Mutter der Zeit gehört zu Samhain. Sie tanzt auf Totenschädeln und hat diese am Gürtel aufgereiht. Mit schwarzem Gesicht und der roten Zunge weit herausgestreckt, tanzt sie wild und leidenschaftlich ihren wütenden ekstatischen Tanz. Kali konfrontiert uns mit unseren tiefsten Ängsten. Wer sich ihr stellt und sie versteht, dem wird die indische Göttin zur größten aller Mütter.
Schließlich ist da noch Hekate, die weise Göttin des schwarzen Mondes, die über die Geister der Toten herrscht. Wir begegnen ihr in mondlosen Nächten an Kreuzungen, an denen sich drei Wege treffen. Sie wird mit drei Köpfen dargestellt, dem eines Hundes, einer Schlange und eines Pferdes. Sie ist die Hexengöttin, ausgestattet mit Zauberkräften welche sie denjenigen verleiht, die sie ehren.
Ein schönes Ritual zu Samhain könnte ein befreiender Tanz sein. Etwas wie die Kundalini Meditation von Osho etwa oder ein wilder ekstatischer Kali Tanz. Sicher gibt es auch in deiner Nähe eine Ecstatic Dance Veranstaltung, wo du alles Alte abschütteln und – tanzen kannst. Auch ist es jetzt eine gute Zeit um schamanisch in die untere Welt zu reisen und auf alle nur denkbaren Arten Kontakt zu deinen Ahnen aufzunehmen. Und wenn das für dich bedeutet an Allerheiligen auf den Friedhof zu gehen, ist auch das ein schönes Ritual. Egal, wie du dich mit der geistigen Welt verbindest und dich von Altem befreist, es muss sich nur für dich selbst stimmig anfühlen. Vielleicht möchtest du die Zeit unmittelbar nach einem Ritual für einen Spaziergang in der Natur nutzen, um dich zu erden. Wenn du achtsam bist und deiner Intuition folgst, kann es sein, dass etwas zu dir kommen möchte, was ein Symbol für das Kommende darstellt und dich durch das neue Jahr begleiten wird. Dies könnte ein Wort oder eine Melodie sein, aber auch eine Feder, ein Stein oder ein Schneckenhaus.

Ich wünsche dir ein magisches Samhain, egal ob heute oder am letzten Tag des Monats!

Alles Liebe,

Janna Raphaela