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Was wir vom Fasching lernen können

Es ist wieder soweit: Vor dem Supermarkt stehen erwachsene Männer in Mönchskutten und Kuhkostümen und trinken Jägermeister aus der Flasche, reihum. Juhu, die Faschingszeit ist da! Ok, ich gebe es zu, ich mag Karneval, Fasching oder Fastnacht persönlich einfach nicht. Natürlich darf aber jeder machen was er oder sie möchte, so lang dabei niemandem geschadet wird. Doch was mich schon immer fasziniert hat, ist die Tatsache, dass an Karneval die Welt Kopf zu stehen scheint. Aus bieder wird frivol mit knappem Outfit, aus duckmäuserisch wird autoritär im Polizeikostüm. Und selbst die sonst so emotionsregulierten Deutschen feiern wild und ausgelassen – manchmal umarmen sich sogar wildfremde Menschen. Nun, man könnte freilich sagen, dass sei doch schön, ja, sogar wünschenswert. Und das ist es natürlich auch, wenn nicht tiefgehender betrachtet. Aber was ich wirklich schön fände (ich, persönlich) wäre, wenn das, was zu Karneval gelebt wird, im Alltäglichen in gesunder Form integriert werden würde. Es wäre ein wertvoller Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung geleistet. Denn was hier eigentlich gefeiert wird ist nicht  Fastnacht, sondern der Schatten.

Was ist der Schatten?

Der Schatten ist ein psychologisches Konzept, das von C. G. Jung mit der Formel Selbst = Ich + Schatten definiert wurde. Es gibt da also etwas in uns, das wir über uns selbst nicht wissen und oft auch nicht wissen wollen, das trotzdem zu uns gehört. Etwas, das wir abgespalten und verdrängt haben. Etwas Ausgelagertes. Doch noch lange bevor Jung den Begriff des Schattens unter Psychologen verbreitet hat, war selbiger dem Volksmund schon lange bekannt. Auch hier haben wir ihn externalisiert und wie in prä-psychoanalytischen Zeiten en vogue, dem Teufel zugeschrieben. „Mit dem Teufel ringen“ oder „Ihn hat der Teufel geritten“ sind Aussagen, die man trifft, wenn der Schatten einer Person oft vollkommen unvorhersehbar und für das Umfeld unverständlich durchgebrochen ist und zu Tage gekommen ist. Extreme Beispiele hierfür sind Amokläufe oder sonstige furchtbare Gewaltverbrechen von sonst unauffälligen und unbescholtenen Bürgern.

Der Schatten in der Mythologie

Der Begriff „zu Tage getreten“ ist für die Schattenthematik sehr stimmig, denn der Schatten gleicht einem Schatz, den wir aus der Tiefe unserer Persönlichkeit bergen können, um ein erfüllteres und ausgeglicheneres Leben führen zu können. Legenden, die uns das erklären sind so alt wie unsere Kulturen. Da ist zu Beginn der Mythos der Gilgamesch, der seinen düsteren Bruder und Gegenspieler Enkidu besiegt und in ihm seinen Verbündeten findet. Dann ist da Inana, die in die Unterwelt reist… oder Herakles der den dreiköpfigen Höllenhund Kerberos aus der Unterwelt holt. Dieser verrät uns schon so viel über die Symptomatik des Schattens: In Kerberos oder Cerberus kann man die Parallele zu unserem Schweinehund erkennen, auf den wir gerne alles schieben und projizieren, wenn wir uns durch unseren Schatten fremdbestimmt fühlen. Und dann ist da nicht zuletzt Siegfried, der sich dem Drachen in der Unterwelt stellen muss. Auch hier ist die archetypische Heldenreise und die zugrundeliegende Auseinandersetzung mit der Schattenwelt im Mythos wunderbar illustriert. Das Blut des besiegten Drachen wird für Sigfried zum Schutzschild gegen negative Kräfte. In allen diesen Geschichten verbirgt sich in der Integration des Schattens die Heilung und die Begegnung mit der Schattenseite wird letztlich zum Geschenk. So ist auch Pluto nicht nur Herr der Unterwelt, sondern auch Herr der Schätze.

Auch Goethe war sich der Thematik wohl mehr als bewusst, ist doch Faust voll von Schattenthematik. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…“ sagt der gute Faust und fand ihn Mephisto den personifizierten Schatten. Dieser wiederum beschreibt sich selbst als „Teil von jener Kraft die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ und erklärt uns mit einem Satz die Gesetze der Polarität.

Entstehung des Schattens

Denn genau so entsteht der Schatten. Er entsteht jedes Mal, wenn wir eine „entweder oder“ Entscheidung treffen müssen. Jedes Mal dann, wenn uns weisgemacht wurde (oder wir uns weismachen), dass es im Leben Schwarz und Weiß geben würde und wir uns entscheiden müssen. Der universelle Grundsatz pantha rei, alles fließt und unterliegt stetiger Veränderung, wurde den wenigsten von uns als Kind beigebracht. Und so haben wir uns gegen manche Persönlichkeitsanteile „entschieden“ weil sie nicht willkommen waren, haben Teile von uns verdrängt und weggesperrt und empfinden sie letztlich als nicht mehr uns zugehörig. Denn der Schatten ist das, von dem wir nicht wissen, dass es im Unbewusstsein ruht und auf eine Gelegenheit wartet durchzubrechen. Das tut es dann vor allem dort, wo es uns ungemein wichtig ist und wo es besonders unangemessen ist. Bewerbungsgespräche, erste Dates und dergleichen sind typische Beispiele. Hier äußert sich der Schatten gerne in Form von Freudschen Versprechern, die durchblicken lassen, was unsere Seele eigentlich sagen möchte.
Sich mit dem eigenen Schatten auseinanderzusetzen kostet Mut und Kraft und erfordert ein hohes Maß an Bewusstsein. Die Verlockung das Projektionsspiel weiterzuspielen und die Außenwelt verantwortlich zu machen ist wahnsinnig groß.  Robert Bly, der Autor von Eisenhans – Ein Buch über Männer beschreibt die Entstehung des Schattens als einen Sack, in den wir beim Heranwachsen alles ungeliebte hineinstopfen und ihn dann, sofern wir ihn nicht öffnen, zeitlebens hinter uns herschleifen. In diesem Bild wird für mich schön verdeutlicht, dass es auch mit einer gewissen lebenslangen Anstrengung verbunden ist,  die Schattenanteile überhaupt nicht mehr herauszuholen. Wie die Helden in den oben beschriebenen Mythen tun auch wir gut daran, immer mal wieder in den Sack hineinzuschauen, einen Aspekt herauszuholen und uns mit ihm zu beschäftigen. Nach und nach werden wir so unseren persönlichen Schatz bergen und ein Leben in reichhaltiger Fülle leben können.

Durchlichtung

Woran aber erkennen wir also unseren Schatten, wenn er doch so weit abgespalten ist? Zum einen sind unsere Vermeidungsstrategien hilfreiche Wegweiser ins Schattenreich. Wo es unbequem wird, lohnt es sich auf jeden Fall einmal genauer hinzuschauen. Auch unsere körperlichen Symptome sind Indizien. Wo manifestieren sich bei uns Krankheit und Schmerz und mit welcher seelisch / emotionalen Komponente stehen diese Körperregionen oder Systeme in Verbindung? Außerdem sind wir letztlich wie Musikinstrumente: wir gehen mit unserer Umwelt in Resonanz. Was regt uns wahnsinnig auf, welche Menschen können wir partout nicht leiden? Haben diese Menschen eventuell einen Persönlichkeitsanteil, den wir an uns selbst so überhaupt nicht akzeptieren können und ihn deswegen weit in den Schatten verdrängt haben? Doch die hilfreichreichsten Partner in der Schattenarbeit sind wohl unsere Lieben. Wir sehen bei anderen den Schatten ziemlich genau, auch wenn die betroffene Person ihn noch lange nicht sieht. Uns so ist die beste Schattentherapie wahrscheinlich eine aufrichtige stabile Beziehung zu einer anderen Person, denn je näher uns jemand kommt, desto eher wird unser Schatten auftauchen und sichtbar werden. Wir tendieren dazu, ungeliebte Eigenschaften auf unseren Partner / Mitmenschen zu projizieren.

Doch das ist letztlich das Gleiche als wenn man versucht, einen Pickel im Spiegel auszudrücken anstatt es im eigenen Gesicht zu tun. Die Bewusstmachung und der achtsame Umgang mit den eigenen Schattenthemen ermöglicht uns Auflösung und Heilung. Denn Schatten kann nur ohne Bewusstsein existieren. Ist der Schatten ins Scheinwerferlicht gerückt und bewusst gemacht, verliert er seine Macht über uns und wird zum wertvollen Hilfsmittel auf dem Weg zu einem selbstbestimmten, lichtdurchflutetem Leben.
Und so könnten wir uns zur Karnevalszeit einmal die Kostüme ansehen und uns fragen, was sie uns über uns selbst verraten. Welcher Persönlichkeitsanteil wird hier gelebt, weil er sonst abgespalten ist und nicht zu mir gehören darf? Was lebe ich nicht in gesunder Form in meinem Leben? Gehe ich mutig mit Veränderungen und Entscheidungen um? Lebe ich eine gesunde und freie Sexualität? Habe ich genug Durchsetzungskraft? Welche Masken setze ich mir heute bewusst auf um die unbewussten zu retuschieren?
So wird die närrische Zeit zum perfekten Einstieg in die persönliche Schattenarbeit und kann uns viel über unser Ich verraten.

Wenn wir die etymologischen Hintergründe der Namen der jetzigen Festzeit betrachten, können wir übrigens einen weiteren positiven Aspekt der Faschingszeit entdecken: Die Fast-Nacht ist traditionell die Nacht, ab welcher das Fasten beginnt und auch das Wort Karneval bietet uns  einen Gesundheitsratschlag, denn das Lateinische carne vale, umschreibt nichts geringeres als die die Verabschiedung vom Fleischkonsum.
Mh, Schattenarbeit, Fasten und eingeschränkter Konsum von toten Tieren? Wenn ich mir es recht überlege bin ich ein ziemlich großer Fan der Faschingszeit!

 

Alles Liebe,

Janna Raphaela