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Segne deine Mahlzeiten

Oft werde ich, wenn ich mich an den Tisch setze, meine Augen schließe und meine Hände falte, bevor ich mit meiner Mahlzeit beginne, überrascht gefragt: „Betest du jetzt?“ Meistens antworte ich mit: „Nein, ich danke nur.“ Aber ob diese Handlung als Gebet, als Segnung oder als Dank bezeichnet wird, spielt für mich letztendlich keine Rolle. Für mich ist es wichtig, dass bevor ich Nahrung mein Körper aufnehme, ich mir bewusst mache was für ein Geschenk sich dort auf meinem Teller befindet. Was für Schritte notwendig waren, dass ich jetzt hier sitzen kann und diese wundervolle Mahlzeit einnehmen kann. Für mich geht es um ein kleines liebevolles Alltagsritual. Es geht mir um Achtsamkeit. Um Wertschätzung. Um Dankbarkeit eben.

Ich komme nicht aus einer Familie in der vor dem Essen gebetet wurde. Ich kannte diese Tradition überhaupt nur aus US-Filmproduktionen mit viel Weichzeichner. Später bei den Pfadfindern nahmen wir uns dann alle bei den Händen bevor wir aßen und sagten: „Piep piep piep, wir haben uns alle lieb, guten Appetit.“ Auch ähnliche kurze Momente des Innehaltens wie „lieber Gott, segne flott“ habe ich erlebt und finde selbst diese niedlichen Segenssprüche hinreichend zielführend. Mir geht es, unabhängig von der Umsetzung, darum, einen kurzen Moment der Ruhe einkehren zu lassen bevor ich Nahrung für meinen Körper aufnehme. Gerade in unserer hektischen Welt empfinde ich es als elementar, eine kurze Pause einzulegen, bevor ich zur Nahrungsaufnahme übergehe. Für Jahrtausende war das gemeinsame bei Tisch sitzen für uns Menschen ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Weitervermittlung von Wissen. Bindungen und Konditionierungen wurden seit jeher über einer geteilten Mahlzeit geformt, Entscheidungen wurden getroffen. Nicht selten entfachen Streitigkeiten in Familien am Esstisch und wurden auch an selbigem wieder beigelegt. Das gemeinsame Mahl ist also ein stark ritualisierter Akt, auch wenn uns das heute nicht mehr so bewusst ist. Gerade in der heutigen Zeit der Überproduktion und Überversorgung, gekoppelt mit unseren durchgetakteten stressigen Alltagsrythmen, vergessen wir oft, wie dankbar wir sein können, für die Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit der uns dargebotenen Nahrung. Hält man inne und vergegenwärtigt sich, was für ein Wunder hinter jeder Pflanze, jedem Korn, jedem Samen steckt und was für fantastische Farben, Geschmacksrichtungen und Nährstoffzusammensetzungen Mutter Erde für uns kreiert hat, kann man nur ins Staunen geraten. Und wenn man sich dann noch überlegt, wie viele Arbeitsschritte notwendig waren, damit man nun hier vor dieser großartigen Komposition sitzen und sie genießen kann, wird augenscheinlich warum Dankbarkeit angebracht ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt liegt freilich in der ritualisierten Zubereitung von Mahlzeiten. Prana, die Lebenskraft die Allem innewohnt, wird nicht nur durch (möglichst frische und vollwertige) Lebensmittel in unseren Körper aufgenommen. Auch die liebevolle Zubereitung einer Speise steigert den Prana-Gehalt in selbiger. Eine mit Liebe zubereitete Mahlzeit schmeckt und tut auch unserem Körper, unserem Geist und unserer Seele wesentlich besser.

Und wie segne ich nun mein Essen? Ob du deine Hände falten möchtest oder links und rechts über deinen Teller halten möchtest, spielt in meinen Augen keine Rolle. Das Schließen der Augen hilft bei der kurzen Versenkung und der Visualisierung. Dass der Fernseher nicht im Hintergrund laufen sollte und das Smartphone nichts am Tisch zu suchen hat, versteht sich von selbst wenn ich meiner Nahrung Wertschätzung entgegenbringen möchte.

Ich persönlich danke gerne den Elementen und allen Menschen, die daran beteiligt waren, dass meine Lebensmittel heute hier in dieser Form vor mir liegen. Mein Partner hat mich auf den zusätzlichen wundervollen Aspekt der Heilung durch Nahrung aufmerksam gemacht, den ich jetzt auch in meinen Segensspruch mit aufgenommen habe.

Meine gesamte Segnung lautet in etwa wie folgt:

Ich danke dem Wind, der den Samen verbreitet hat.

Ich danke dem Wasser, der seinen Durst gestillt hat.

Ich danke der Erde, die ihn geschützt und genährt hat.

Ich danke der Sonne, die ihm Kraft gespendet hat.

Ich danke all den wundervollen Menschen, die daran beteiligt waren, dass diese Gaben heute ihren Weg hier auf meinen Teller gefunden haben.

Danke, dass die Nahrung mich heilt.

Aho.

Während ich die Sätze für mich still formuliere, visualisiere ich vor meinem geistigen Auge jeden einzelnen Schritt der notwendig war und für den ich danken möchte. Ich sehe den Samen, wie er aus der reifen Blüte fällt, wie er sich in der dunklen Erde eingenistet hat, wie er dicker und reifer wird bis er platzt und sich langsam ein Sprössling den Weg durch das Erdreich zur Sonne bahnt. Ich sehe Feldarbeiter, Ausfahrer, Verkäufer…. Wenn Du nun glaubst, dass das ganze so lange dauern würde, dass dein Essen bis dahin sicher kalt ist, probiere es doch einfach mal aus. Finde deinen eigenen ganz persönlichen Segensspruch und achte darauf, ob sich deine Wertschätzung für die Nahrung steigert, ob sie anders schmeckt und ob du dich beim Essen anders fühlst. Guten Appetit!

Liebe,

Janna Raphaela