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Yule – Die Zeit der Wintersonnwende

Zu Samhain hab ich es nicht geschafft, einen Blogartikel zu schreiben, weil ich an diesem Tag umgezogen bin. Meine Gänge in die Unterwelt haben sich darauf beschränkt aus dem fünften Stock in den Keller und wieder hinauf zu laufen. Aber das ist ja das schöne an den Jahreskreisfesten, sie wiederholen sich Jahr für Jahr und so freue ich mich auf nächstes Jahr.

Aber jetzt ist heute erstmal Yule (oder Jul oder Jol) und damit beginnt der neue Jahreskreis. Beginnt? Ja, beginnt, denn traditionell beginnt das Jahr zur Winter Sonnenwende. Die längste Nacht des Jahres und der kürzeste Tag stehen uns bevor. Ab morgen nimmt die Kraft der Sonne wieder stetig zu bis sie zur Sommersonnenwende im Juni ihren Höhepunkt erreicht. Ich bin aus der Stadt das Land gezogen und so darf ich jetzt die Zeit der Wintersonnwende einmal wieder in seiner vollen Kraft erleben. Statt grauem Matsch und gestressten Menschen sehe ich die Amseln vor meinem Fenster nach Nahrung suchen, die Straßen sind mit Schnee und Eis bedeckt und über den Bergen strahlt die niedrig stehende Sonne. Jahreszeiten wiederholen sich zwar jedes Jahr, doch jedes Jahr auf ihre eigene ganz einmalige Art und Weise. So wie wir uns auch permanent weiterentwickeln und doch immer wieder von Lebensthemen mit den dazugehörigen Aufgaben stehen und denken: „Hey, hier war ich doch schon! Das hab ich doch schon abgeschlossen!“ Doch das Leben wiederholt sich spiralförmig und so stehen wir jedes Mal auf einer neuen Ebene wenn wir einem vermeintlichen Problem begegnen, mit mehr Erfahrung und neuen Lösungsansätzen und können feststellen, dass wir schneller erkennen, wenn wir in ein altes Muster hinein geraten sind.

Ein Feuer entfachen

Das Leben ist zyklisch und so beginnt heute in der Tiefe der Nacht ein neuer Zyklus, dem wir voller Hoffnung und Vertrauen in das Leben entgegenblicken können.
Jetzt ist die dunkelste Zeit des Jahres und für viele Menschen herrscht Winterblues. Doch so dunkel Yule auch sein mag, erinnert es uns doch auch an den Neubeginn und daran, dass egal wie lange die Dunkelheit vorherrschen mag, das Licht stets zurückkommt. Es ist ein Wendepunkt, ein Zeitpunkt des Neuanfangs und der Wiedergeburt. Nicht umsonst ist dieses Jahreskreisfest traditionell mit der Tanne verbunden, erinnert sie uns doch mit ihren immergrünen Nadeln an ewiges Leben, mitten in der so tot scheinenden Natur.
In dieser Zeit tun wir gut daran, ein Feuer zu entfachen, Innen wie Außen. Vielleicht kannst du ein Sonnwendfeuer in deiner Umgebung finden, an dem du mit anderen lieben Menschen die Sonnwende feiern kannst. Traditionell wird ein Scheit aus dem Feuer mit nach Hause genommen und dafür gesorgt, dass er über die auf Yule folgenden Raunächte weiter brennt. Ok, ich gebe zu, das ist in den meisten Fällen schwierig, aber vielleicht kannst du etwas Asche mitnehmen und auf deinem Altar aufbewahren oder über die Felder streuen, um für die wiederkehrende Fruchtbarkeit zu danken. Auch kannst du Myrrhe und Weihrauch dem Feuer übergeben und um spirituelle Reinigung und Schutz vor negativer Energie zu bitten. Oder du schreibst eine Liste mit Dingen, Angewohnheiten und Gedanken, von denen du dich befreien möchtest sowie eine Liste mit Manifestationswünschen und übergibst beide dem Feuer. Falls ein Feuer für dich keine Option ist, geht auch eine Kerze, die für die Zeit der Raunächte brennt. Du könntest jeden Tag über der Flamme meditieren und deine Eindrücke in einem Tagebuch festhalten. Wenn dir das immer noch zu okkult ist, kannst du dein inneres Feuer rund um deinen Solarplexus, dein Sonnengeflecht mit entsprechenden Yogaübungen anheizen.

Zeit für Intuition

Traditionell ist die Zeit die Wintersonnenwende und der Raunächte eine Zeit des Rückzugs, des Innehaltens und der Kontemplation. Es ist eine Zeit der Spiritualität und der Stille. Wir können diese magische Zeit für uns nutzen, denn nun finden wir leichter als üblich Zugang zur anderen Wirklichkeit. Der Schleier ist besonders dünn und die Verbindung zu unseren Ahnen und Ahninnen besonders stark. Es ist eine gute Zeit für Orakel, für das intuitive Erahnen. Du könntest Tarot Karten legen um spielerisch herauszufinden welche Lebensaufgaben dich erwarten. Ich war gestern bei meiner Freundin und liebsten Tarot-Frau und wir haben uns einen Kreis mit 12 Karten gelegt, eine für jeden Monat im kommenden Jahr. (Puh, nächstes Jahr wird ganz schön heftig…) In dieser Zeit, in der das Unbekannte so stark zu uns vordringen möchte, sollte man auch besonders auf seine Träume achten. Es heißt, dass die Träume der 13 Raunächte das nächste Jahr vorhersagen.

Die großen Göttinnen

Nun ist vor allem die Zeit der großen Erd-Göttinnen die den endlosen Kreislauf des Lebens repräsentieren. Die Zeit der Ururur-Großmütter, die das Geheimnis des Lebens kennen. Der Lebensspenderinnen und –zerstörerinnen, die das rhythmische Auf und Ab des Lebens unzählige Male haben kommen und gehen sehen. Archetypisch arbeiten wir hier mit der alten weisen Frau, die distanziert und zurückgezogen beobachtet. Ursprünglich wird diese Nacht auch Mutternacht genannt. In der griechischen Mythologie war Gaia die Urmutter Erde, die große Mutter, die alle Wesen erschuf indem sie sich sowohl sich Uranos verband, als auch dem Meeresgott Pontos. Ihr können wir heute wie damals in Höhlen und den Felsspalten Opfergaben darbringen. In der germanischen Kultur ist es die Zeit der Schicksalsgöttinnen, der Nornen: Verdandi, Urd und Skuld. Sie sind die Spinnerinnen des Schicksals und leben in den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil. Dort an der Quelle spinnen sie die Schicksalsfäden, bestimmen über deren Länge, weben das Muster hinein, welches das Leben bestimmen wird und am Ende schneiden sie den Faden ab und bringen damit dem Tod. In der Zeit der Raunächte können wir sie an Kreuzwegen anrufen, wenn wir mehr über unser Schicksal erfahren möchten. Eine besonders coole Göttin ist Sheila na Gig, die greise irische Göttin, die mit hängenden Brüsten und schütterem Haar dargestellt wird. Mit breitem Grinsen präsentiert sie ihre geöffnete Vulva und erinnert uns daran, dass wir alle auf unserem Weg durch diese heilige Pforte gehen. Sie ist sowohl Schöpferin also auch Todesgöttin.

Das Märchen der Frau Holle kennen wir alle. Sie ist das Überbleibsel der germanischen Göttin Holla, die in einer Berghütte lebt und in einem Brunnen badet aus dem die Kinder geboren werden. Sie ist dafür zuständig, dass die Neugeborenen aus der Unterwelt unversehrt ans Tageslicht gelangen und auch dafür, dass wir an unserem Lebensende den Weg in die Unterwelt wiederfinden. Die wilde Percht, die dunkle Seite der Holla, ist nach der Überlieferung dafür verantwortlich zu kontrollieren ob wir Menschen uns an die Gesetze des Lebens halten und dazu gehört traditionell, dass wir in der Zeit zwischen den Jahren keine großen Arbeiten verrichten. Es ist wie gesagt eine Zeit des Ausruhens und der hoffnungsvollen Erwartung von Neuem. Daher kommt der übrigens der klassische vorweihnachtliche Hausputz, den viele in unserer Generation als sich stimmig anfühlend übernommen haben.

Und so werde auch ich jetzt unser Nest auf Vordermann bringen und freue mich auf ein Sonnwendfeuer am Abend. Die Raunächte werde ich in kontemplativer Stille einen Vipassana Kurs sitzen, worauf ich mich sehr freue.

Deshalb wünsche ich dir schon jetzt ein wunderschönes Sonnwendfest, magische Raunächte und einen kraftvollen Jahresbeginn!

 

Alles Liebe,

Janna Raphaela